Was Au pairs wissen sollten... Ulrike, die diese Erfahrungen weitergibt, war selbst Gastmutter von vier deutschen „InterExchange“ Au pairs. Ab März 2000 lebte sie mit ihrem Mann, ihrem Sohn (6/2000) und ihrer Tochter (8/2002) in Berkeley, CA, USA, bis sie im November 2004 zurück nach Bremen, Deutschland zog. Seit ihr Sohn sieben Monate alt war, bis zum Umzug nach Deutschland (2. Kind war zu der Zeit zwei Jahre und drei Monate alt) unterstützten sie die Au pairs mit der Betreuung der Kinder. Die Entscheidung für das Au pair Programm traf ihre Familie auf Grund verschiedener Vorteile: - die große Flexibilität etwa gegenüber einem Day Care Center - Kinderbetreuung zu Hause im gewohnten Umfeld der Kinder - zusätzliches Deutschangebot für die Kinder - niedriger Betreuungsschlüssel (1:1 bzw. 1:2) Im folgenden Artikel gibt Ulrike einen Einblick in viel diskutierte Au pair Themen aus ihrer persönlichen Sicht als Gastmutter. Kosten Ein Au pair kostet die Gastfamilie für ein Jahr rund 14.000 US-Dollar, wovon die Familie in der Regel schon ca. 5.000 US-Dollar bezahlt hat, bevor das Au pair auch nur amerikanischen Boden betritt. Wer das weiß, fühlt sich vielleicht nicht so schnell als „billige Arbeitskraft“ und kann besser verstehen, dass die Familie wirklich nach Entlastung durch das Au pair sucht. Diese ist meist nur dann gegeben, wenn das Au pair seine Aufgaben vollständig erledigt und sich angemessen am Familienhaushalt beteiligt. Familienanschluss Darunter verstehen wahrscheinlich kaum zwei Menschen wirklich dasselbe, ganz einfach, weil eben kaum zwei Familien gleich sind. Von Au-pair-Seite wird darunter oft verstanden, dass das Au pair in der Gastfamilie dieselbe oder eine ähnliche Rolle spielen möchte, wie in ihrer Herkunftsfamilie. Aus mindestens zwei Gründen geht das jedoch in der Regel schief: Die Herkunftsfamilie und die Gastfamilie sind sehr unterschiedlich organisiert, und die Gastfamilie erwartet mehr vom Au pair, als das die Eltern für gewöhnlich tun (siehe auch „Kosten“). Zu den Unterschieden zwischen den Familien: In Deutschland gibt es wesentlich mehr Familien als in den USA, in denen die Mütter nicht oder nur in Teilzeit berufstätig sind, und in denen es daher nicht ungewöhnlich ist, dass Mütter Essen kochen, Tisch decken, „Kinder“ zum Essen rufen, Wäsche waschen... in den Gastfamilien ist es dagegen die Regel, dass die Mütter in Vollzeit berufstätig sind (oder sehr viele kleine Kinder versorgen) – sonst bräuchten sie kein Au pair. Das bedeutet, dass Au pairs NICHT damit rechnen sollten, von der Familie zum Essen gerufen zu werden, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen und sich bestenfalls am Abwasch zu beteiligen. Wer Familienanschluss wünscht, sollte sich auch an der Vorbereitung von Mahlzeiten beteiligen, auch wenn der Tag mit den Kindern anstrengend war. Wer lieber seiner eigenen Wege geht, aber dennoch im Haus isst, sollte zumindest anbieten, beim Einkaufen zu helfen. Zum Familienanschluss gehören immer zwei Parteien, das Au pair und die Familie – und die müssen so früh wie möglich, so viel wie möglich darüber reden, was sie voneinander erwarten. Es genügt nicht, wenn man sich darauf einigt, dass das Au pair „a part of the family“ sein soll – man muss über Details reden, wie z. B. Mahlzeiten, Einkaufen, Feiertage, Ausflüge, Wochenendunternehmungen usw., damit beide Seiten wissen, wovon wirklich die Rede ist. Feiertage, Freizeit und Urlaub Der Au-pair-Job ist in der Regel hart, das ist gar keine Frage. Dass man nach 8 oder mehr Stunden mit kleinen Kindern ausspannen möchte, ist verständlich. Was Au pairs aber auch bedenken sollten: Während sie die Kinder betreut haben, haben die Eltern in der Regel ebenfalls in anstrengenden Jobs gearbeitet. Nach der Arbeit erledigen sie oft noch den Einkauf und übernehmen dann nahtlos genau die Tätigkeit, von der das Au pair sich jetzt erholen möchte. Außerdem haben die meisten Berufstätigen in den USA nur zwei bis drei Wochen Urlaub im Jahr, oft eine begrenzte Anzahl von Krankheitstagen, so dass ein Teil des Urlaubs manchmal auch auf Krankheiten, Betreuung kranker Kinder oder anderer Verwandter draufgeht (es gibt, nebenbei bemerkt, generell auch keinen Mutterschutz und keine Elternzeit - manche Staaten haben hierzu inzwischen etwas sozialere Gesetze, und manche Unternehmen bieten ihren Angestellten diesen Luxus, aber es ist hier normal, dass Frauen bis unmittelbar vor der Geburt arbeiten und nach spätestens 8 Wochen wieder anfangen, wenn sie ihren Job nicht verlieren möchten). Das bedeutet, dass in den Augen der Gastfamilie die Freizeit des Au pairs in den meisten Fällen NICHT zu knapp bemessen ist, auch wenn das Au pair in Deutschland mehr Freizeit gewöhnt war, insbesondere, wenn das Au pair direkt nach der Schule in die USA aufgebrochen ist. Hier gibt es oft Konflikte – das Au pair möchte nach „Feierabend“ nur noch raus, die Gastfamilie wundert sich, wo den plötzlich der Wunsch nach Familienanschluss bleibt, wenn das Au pair nie zum Abendessen erscheint und auch die Feiertage lieber mit Freunden als mit der Familie verbringt. Das Au pair meint aber, in der Familie nicht genug zu erleben und sucht die amerikanische Kultur lieber mit Freunden bei Starbucks und in Clubs. Auch hier haben beide Seiten Recht – natürlich brauchen Au pairs Freizeit außerhalb der Familie. Die Familie wirklich kennen zu lernen, sich zu integrieren, die amerikanische Familienkultur zu erleben – das geht aber nur, wenn das Au pair auch einen guten Teil seiner Freizeit mit der Familie verbringt. Ich kann allen Beteiligten nur dazu raten, von Anfang an Regelungen für den Umgang mit Feiertagen zu treffen – hat das Au pair „frei“ und kann Ausflüge oder Unternehmungen ohne die Familie planen, wird eine Beteiligung am Familienleben vorgesehen, werden alle Feiertage gleichwertig behandelt? Unsere Organisation (InterExchange) ist ganz klar der Meinung, dass Feiertage nicht automatisch Freizeit für das Au pair bedeuten. Auch sollten Au pairs bei langfristigen Planungen bedenken, dass z. B. die Weihnachts- und Osterfeiertage in den USA viel knapper ausfallen, als in Deutschland (nur der 25. 12. ist ein Feiertag, Karfreitag und Ostermontag sind sogar die Behörden geöffnet). Dann ist zu bedenken, dass es in den USA eine Reihe von Feiertagen gibt, an denen nicht alle Leute frei haben – wo z. B. Banken geschlossen sind, Läden aber geöffnet, manche Büros arbeiten, andere nicht. Bevor man für diese Tage etwas plant, muss man mit den Gasteltern klären, ob sie denn frei haben oder nicht. Dem Au pair stehen zwei Wochen (10 Tage) bezahlter Urlaub zu, die im Einvernehmen mit der Familie zu nehmen sind. Können sich Au pair und Familie nicht auf einen zweiwöchigen Zeitraum einigen, lautet der Kompromissvorschlag unserer Organisation, dass jede Partei den Zeitraum für eine Woche bestimmen kann. Dadurch kann dem Au pair natürlich ein Strich durch die Rechnung gemacht werden, wenn es z. B. Pläne für Besuch aus Deutschland hatte. Auch hier gilt: So früh wie möglich drüber reden und nicht davon ausgehen, dass auch für die Familie zwei Wochen zwei zusammenhängende Wochen sind. Verreist die Familie während des Au-pair-Jahres, so ist unbedingt vorab zu klären, ob das Au pair mitfährt, und ob es während des Urlaubs Au-pair-Aufgaben wahrzunehmen hat. Je nach Veranlagung und Geldbeutel der Familie sind hier alle möglichen Konstellationen denkbar – von Mitreisen des Au pairs bei vollem Gehalt, Kost und Logis und ohne Aufgaben bis hin zu voller Arbeitsleistung des Au pairs oder sogar dem Daheimbleiben. Zu Beginn des Jahres haben beide Seiten, Familie und Au pair, meist unbewusst ganz klare Vorstellungen davon, wie diese Situationen zu gestalten sind – beide wissen, was sie für normal halten, und gehen unbemerkt davon aus, dass die andere Seite das genau so sieht. Kein Wunder, dass es um diesen Punkt dann später oft Streit gibt, zumal der Urlaub für viele Au pairs der Höhepunkt ihres Jahres ist, für viele Familie aber eine schwierige Zeit, in der der Tagesablauf aller, durch die Abwesenheit des Au pairs, durcheinander gerät. Auto In den USA geht nichts ohne Auto – das hört man immer wieder, und in vielen Gegenden ist man ohne Auto tatsächlich aufgeschmissen. Trotzdem hat ein Au pair kein Recht auf die uneingeschränkte private Nutzung eines Autos. Private Autonutzung ist immer ein Privileg und muss auch sorgfältig abgesprochen werden. Unsere Au pairs konnten unsere Autos z. B. gar nicht nutzen, weil in CA die Mitversicherung eines Au pairs sehr teuer für uns gekommen wäre und unsere Au pairs keine „dienstlichen“ Gründe hatten, das Auto zu nutzen. Es gibt in San Francisco Bay Area ein gutes öffentliches Verkehrsnetz, und wir hatten ein eigenes Fahrrad für die Au pairs. Manche nutzten letzteres intensiv, manche nicht. Manche finden Freunde, die sie mitnehmen, andere nicht – es kommt eben auch darauf an, was man aus einer Situation macht. Wer ein Auto nutzen darf bzw. muss, sollte sich gut darüber informieren, was im Falle eines Unfalls passieren würde. Es ist auch im Interesse des Au pairs, sich zu vergewissern, dass die Familie tatsächlich dafür sorgt, dass eine Haftpflichtversicherung (liability insurance) für das Au pair besteht. Es gibt Familien, die sich mit solchen Fragen nicht gut auskennen, außerdem sind die Versicherungsvorschriften für Autofahrer von Staat zu Staat verschieden. Au pairs, die Auto fahren, sollten diese Versicherungsfragen gleich zu Beginn auf den Tisch bringen und klären: Was passiert, wenn ich einen Unfall habe? Wer zahlt für Schäden an unserem Auto, für Personenschäden bei mir, den Kindern, Freunden? Wer kommt für Schäden der Gegenpartei auf? Auch wenn alle behaupten, dass Autofahren in den USA babyleicht sei – Unfälle passieren, und bei den meisten Organisationen ist eine Selbstbeteiligung der Au pairs an den Kosten für den Schaden am Familienauto in Höhe von 250 bis 500 US-Dollar vorgesehen; das kann schmerzen, besonders, wenn man gerade erst angekommen ist, nicht viel Geld mitgenommen hat usw. Über solche möglichen Nebenkosten des Autofahrens sollten sich Au pairs also auch im Klaren sein, und sich nicht darauf verlassen, dass die Gastfamilie Bescheid weiss. Wichtig ist zudem anzumerken, dass man nie ein anderes Au pair (oder Freund, Freundin etc.), mit dem Auto der Gastfamilie fahren lassen sollte - denn nur das Au pair der Gastfamilie ist auf der Autoversicherung angemerkt. Curfew, 21-Jahre-Altersbeschränkung in Bars, Clubs Hierbei handelt es sich für viele Au pairs wohl um die größten Schocker und Spaßverderber des Jahres. Wenn die Familie eine Curfew festlegt (also eine Zeit, zu der das Au pair abends zu Hause sein soll) denkt sie sich in der Regel etwas dabei und findet, dass die Einhaltung dieser Regel wichtig ist. Wer mit einer Curfew nicht einverstanden ist, sollte VOR dem Matching mit der Familie darüber sprechen – wer sich für eine Familie entscheidet, die eine solche Regelung hat, und sich hinterher dadurch eingeengt fühlt, ist einfach selber schuld. Bei unserem ersten Au pair hatten wir anfangs keine Curfew, weil ich davon ausgegangen bin, dass ein erwachsener Mensch verantwortungsbewusst genug ist, dafür zu sorgen, dass sie ausgeschlafen ist, wenn sie auf ein kleines Kind aufpassen muss. Ich wurde aber eines Besseren belehrt, und wenig später galt bei uns unter der Woche, dass das Au pair um Mitternacht zu Hause sein muss – „Dienstbeginn“ war bei uns um 8 Uhr. Ich kann also verstehen, dass Familien, in denen das Au pair früher mit der Arbeit anfängt, auch eine frühere Curfew haben, damit das Au pair die Chance bekommt, mindestens 7 Stunden zu schlafen. Es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass in den USA der Verkauf von Alkohol an Personen unter 21 Jahren verboten ist. Daraus folgt, dass viele Bars und Clubs auch erst ab 21 Jahren den Eintritt gestatten. Sowohl in Teilen der amerikanischen Bevölkerung als auch bei einigen Au pairs sind daher gefälschte Ausweise populär, mit denen man sich Zutritt zu diesen begehrten Stätten verschaffen kann. Es soll Familien geben, die ein solches Verhalten begrüßen, die Mehrzahl der Gastfamilien dürfte da jedoch verständnislos sein (die eigenen Kinder sind ja in der Regel noch nicht in dieser Situation). Die Universität von Oregon hat zum Thema Fake IDs einige Informationen ins Web gestellt, die man hier abrufen kann. Dort ist nachzulesen, dass es sich in Oregon beim Einsatz gefälschter Ausweise, Studentenausweise, Führerscheine etc. um „Class A Misdemeanors“ handelt, also um Ordnungswidrigkeiten der Klasse A, die mit einer Geldstrafe bis zu 5000 US-Dollar, einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder beidem bestraft werden können. In Arizona handelt es sich sogar um „Felonies“, also Straftaten, (siehe hier ) die mit mehr als anderthalb Jahren Knast zu Buche schlagen. Auch in North Carolina (siehe hier ) und in Kansas (hier) gilt eine „Fake ID“ nicht als Kavaliersdelikt. Wer unter „Fake ID“ und „Penalty“ im Internet sucht, findet noch mehr dazu. Natürlich wird nicht jeder, der mit einem gefälschten Ausweis erwischt wird, bestraft, schon weil das Justizsystem in vielen Staaten hoffnungslos überlastet ist. Dennoch sollte man sich des Risikos bewusst sein, das man eingeht – auch der Familie wegen, die ja gegebenenfalls auch unter den Folgen zu leiden hat. Alkohol, Rauchen In diesen Bereichen sind viele Amerikaner wesentlich intoleranter, als man es im Allgemeinen aus Deutschland gewöhnt ist. Es gibt viele Familien, in denen beides absolut tabu ist, und unter den „trinkenden“ Familien viele, in denen Rauchen keinesfalls geduldet wird. Das mag manchen Deutschen „mackig“ erscheinen, wer sich für eine solche Familie entscheidet, sollte diese Regeln aber akzeptieren und sich VORHER überlegen, ob sich das ein Jahr lang aushalten lässt. Heimlich zu rauchen oder zu trinken, wenn man bei der Bewerbung angegeben hat, beides nicht zu tun, ist gegenüber der Familie nicht fair, fliegt früher oder später auf und führt dann zu großen Problemen, weil die Familie sich zu Recht hintergangen fühlt. Wie bei vielen anderen Themen (Auto, Curfew, Kirche, Essen, Familienanschluss, Haustiere) ist es auch hier wichtig, sich rechtzeitig zu überlegen, womit man leben kann, und diese Fragen ausführlich mit der Familie zu besprechen und nicht davon auszugehen, dass beide Seiten dasselbe unter „oft“, „gelegentlich“, „normal“ usw. verstehen. Essen Essen kann ein großes Thema sein – zum einen, weil viele Au pairs stark zunehmen, wahrscheinlich, weil ihnen nicht bewusst ist, wie viel mehr Fett und Zucker in Amerika in fast allen Fertigprodukten und Restaurantgerichten enthalten ist, als in Deutschland. Auch sind die Portionen (auch bei Getränken) sehr viel größer, was einem vielleicht anfangs auffällt, wenn man sich aber erst einmal dran gewöhnt hat, schnell zum Verhängnis wird. Zum anderen kann Essen aber auch ein heißes Familienthema werden, wenn das Au pair nicht mag, was in der Familie gegessen wird. Für die meisten Menschen gehört ihnen schmeckendes Essen zum Wohlbefinden dazu – daher halte ich es für wichtig, dass man auch über diese Frage vorab ausführlich spricht. So ist es mir z. B. mit unserem zweiten Au pair passiert, dass ich ihr zwar gesagt hatte, dass bei uns so gut wie kein Fleisch auf den Tisch kommt – und sie dann völlig überrascht war, dass darunter auch Wurst und Aufschnitt fallen, wogegen es mir natürlich klar war, dass das so ist - wir kommen immerhin aus derselben Kultur. Einen Kulturschock in dieser Hinsicht habe ich selbst im Mittleren Westen erlebt, wo in Wackelpudding eingebettete Fruchtstücke aus der Dose tatsächlich als Salat bezeichnet werden. Wenn man trotz aller Kommunikationsversuche dann in der Familie feststellen muss, dass man das Essen merkwürdig findet, sollte man trotzdem probieren, höflich zu bleiben und kein Gesicht zu ziehen – für viele Menschen selbstverständlich, aber meiner Erfahrung nach nicht für alle. Und es besteht in den meisten Familien sicher die Möglichkeit, auch mal für die Familie zu kochen und damit zu zeigen, was man selber gerne isst. Auch kann man im Laufe eines Jahres durchaus Dinge schätzen lernen, die man anfangs nicht mag – hier ist echte Offenheit gefragt. Das Essen in den Familien kann übrigens sowohl dem gängigen US-Cliché von Fastfood bzw. Pizza pur entsprechen, aber es kann genauso gut höchst anspruchsvoll gekocht werden, es gibt vegetarische Familien und makrobiotische usw. Kirche Noch ein Thema, dessen Bedeutung auf deutscher Seite oft unterschätzt wird. Für viele Familien in Amerika spielt ihre Kirche bzw. ihr Tempel eine ganz andere Rolle, als das selbst in religiösen Familien in Deutschland der Fall ist. Oft ist ein erheblicher Teil der Freizeit und des Soziallebens mit der Kirche verbunden, und es gibt ganz andere Kirchen, als man sie aus Deutschland kennt. Viele sind viel bunter und aktiver, als die meisten Deutschen es gewöhnt sind, es gibt aber auch sehr strenge Kirchen und solche, die den meisten Deutschen wohl eher als Sekte erscheinen würden. Ich selbst habe ein Jahr in einer Familie von „born again Christians“ gelebt, zu einer Zeit, zu der ich mich eher als Atheistin bezeichnet hätte – das war sehr hart, und ich würde niemandem dazu raten, sich das anzutun. Umgekehrt möchte ich auch kein Au pair haben, das ihre Religion mit meinen Kindern praktiziert, diesen Werte vermittelt, die ich nicht teile. Es gilt also, auch hier vorab soweit wie möglich zu klären, wie die Familie zu Religion und Kirchenbesuch steht – und zwar im Detail. Im Bible Belt kann „we don’t go to church often“ durchaus heißen, dass die Familie 2x monatlich geht und ein Mitgehen des Au pairs als völlig normal ansieht... Haustiere Au pairs sind nicht für die Versorgung von Haustieren zuständig. Wer aber als Familienmitglied in einer Familie mit Tieren leben möchte, wird wohl nicht darum herum kommen, einen Teil der Tierversorgung mit zu übernehmen, auch wenn es vorher heißt, das wäre nicht nötig – das ergibt sich einfach im Alltag so. Wenn also ein Au pair, dass Tiere hasst, sich entscheidet, zu einer Familie zu gehen, die Hunde, Katzen, Fische und Vögel hat – dann ist eigentlich klar, dass das nicht gut gehen kann. Da die Familie meist nicht weiß, dass das Au pair Tiere hasst (wer schreibt das schon so deutlich in die Bewerbung?), liegt die Verantwortung für dieses Scheitern meiner Meinung nach beim Au pair, das damit der Familie möglicherweise einen unnötigen Au pair-Wechsel aufnötigt. Wer keine Tiere mag, oder sich auch einfach nicht mit Tieren auskennt, sollte das gleich deutlich sagen. Familienwechsel und Abbruch Man liest oft, dass etwa 30 % der Au pairs die Familie wechseln, und wenn ich sehe, wie schnell sich manche für ihre Familie entscheiden, wundert mich das nicht. Offensichtlich gibt es auch Familien, die sich nicht an die Programmregeln halten und eigentlich gar nicht im Programm sein dürften, aber wenn man in die Tagebücher auf Aupairusa.de schaut, muss man sich doch wundern, wie oft ein Au pair anfangs von einer „sooooo lieben Familie mit suuuuuupersüßen Kids“ schwärmt – und ein paar Wochen später sind die Kinder nur noch Monster, die Hostmum ein blöde Zicke und der Dad sowieso nie da oder unerträglich. Ich glaube, dass sich viele dieser Missmatches vermeiden ließen – durch bessere Kommunikation auf beiden Seiten. Manche Familien fühlen sich angeblich durch viele Fragen von Au pairs abgestoßen – aber wer für ein Jahr zu völlig Fremden zieht, muss fragen dürfen, was einen bewegt. Wenn die Familie schon keine Geduld hat, Fragen nach wichtigen Dingen wie Autonutzung und Kirchenbesuch zu beantworten, wie soll dann die Kommunikation während des Jahres funktionieren? Ich appelliere an alle Au pairs: Lasst euch Zeit bei der Entscheidung für eine Familie. Es gibt Tausende von Familien, die Au pairs suchen. Wenn eure Organisation keine Kandidaten hat, versucht selber eine Familie zu finden und meldet auch als Pre-Match bei der Orga an. Tut alles, um vermeidbare Familienwechsel zu vermeiden, sowohl euch, als auch den Familien zuliebe. Ein Wechsel bedeutet für beide Seiten viel Unruhe, wechselnde Bezugspersonen, oft Kosten, unangenehme Zeiten usw. Ich lese auf diesen Seiten auch immer wieder von Au pairs, die nach ein paar Wochen abbrechen wollen, weil sie plötzlich einen Job in Deutschland bekommen haben, das Heimweh zu groß wird, die USA doch nicht so toll wie erwartet sind... Einerseits kann ich solche Abbruchwünsche verstehen, andererseits sind sie den Familien gegenüber sehr unfair, und wie unter Kosten erwähnt, investieren auch die Familien viel in ein Au pair-Jahr. Daher erwartet die Familie meiner Meinung nach zu Recht vom Au pair, dass es sich VOR dem Jahr überlegt, ob es sich wirklich 12 Monate lang durchbeißen will. Vorausgesetzt, dass sich die Familie an die Programmregeln hält, empfinden doch die meisten, die durchhalten, das Jahr als eine enorme Bereicherung – auch gerade wegen der schwierigen Zeiten, die sie meistern. Familienfinanzen In den USA sind in vielen Gegenden Einkommen, Steuerbelastung, Hauspreise usw. sehr anders als in Deutschland. Wer in einer Kleinstadt in Iowa ein riesiges Haus hat, muss nicht reich sein, und wer in Berkeley in einer vergleichsweise kleinen Bude wohnt, nicht arm. Daher kann es für Au pairs sehr schwierig sein, die finanziellen Verhältnisse der Familie realistisch einzuschätzen. Manche Merkwürdigkeiten im Familienverhalten ließen sich aber manchmal mit eben dieser finanziellen Situation erklären. Auch ist das Konsumverhalten der Amerikaner im Durchschnitt etwas anders als in Deutschland – es wird weniger gespart, mehr ausgegeben, weniger auf teure Qualität geachtet, sondern eher billig gekauft und öfter weggeschmissen und ersetzt (also etwas, was auch in Deutschland zum Trend wird). Anders als in Deutschland, ist es bei den meisten Amerikanern nicht verpönt, über Geld zu reden – Au pairs sollten sich also im Zweifelsfall trauen zu fragen, wenn ihnen nicht klar ist, ob sie z. B. bei Ausflügen 20 US-Dollar für die Kids ausgeben können, die ihnen die Eltern hinterher erstatten sollen. Kulturunterschiede und sprachliche Missverständnisse Auch wenn man immer wieder hört, dass Deutschland völlig amerikanisiert ist, und sich immer mehr englische oder vermeintlich englische Wörter in die Sprache einschleichen, sehr viele Konflikte zwischen Au pair und Familie lassen sich auf Kulturunterschiede und Sprachschwierigkeiten zurückführen. So haben geschlossene Zimmertüren in den USA z. B. eine viel abweisender Bedeutung, als in Deutschland. Wer hier die Tür hinter sich zumacht, signalisiert: Lasst mich in Ruhe, stört mich nur im Notfall (jedenfalls Erwachsenen, kleine Kinder verstehen dieses Signal oft noch nicht) wogegen es in Deutschland einfach heißen kann: Ich höre jetzt Musik und möchte den Rest der Familie nicht stören. In Deutschland sind Badezimmertüren in den meisten Familien immer geschlossen, in den USA sind sie nur zu, wenn jemand im Bad ist, und es gilt als unhöflich, dann anzuklopfen – mein Mann hat regelmäßig Probleme, wenn meine Eltern zu Besuch kommen, und plötzlich die Badezimmertüren immer zu sind. Die Tischsitten hier sind ganz anders, was für Deutsche wie fehlende Tischmanieren aussieht, ist hier ganz normal, z. B., dass man nur mit einer Hand isst und die andere unter dem Tisch lässt. Für viele Amerikaner gilt Naseputzen als ekliger oder unhöflicher, als hochziehen, und auf die Frage „How are you?“ antwortet man nun mal mit „Fine“ oder „How are you?“ und nicht mit einem ausführlichen Lagebericht. Sagt die Gastmutter „Why don’t you... go to the park/tidy up the room/make some lunch?”, dann ist das eine Aufforderung, keine Frage. Erhält man ein Kompliment, bedankt man sich und sagt nicht etwa „och, das ist aber ein ganz oller Pulli...“ Diese Liste könnte man fast endlos fortsetzen, und es ist sehr schade, dass die Organisationen in dieser Hinsicht nicht mehr Aufklärung leisten, denn nur darüber ließen sich diese Missverständnisse vermeiden bzw. überhaupt als solche erkennen. Kindererziehung und Entwicklung Angeblich sind amerikanische Kinder viel verwöhnter und schlechter erzogen als Deutsche, aber ich bezweifle stark die Richtigkeit dieses Vorurteils. Ich lese regelmäßig deutsche und amerikanische Elternzeitschriften und sehe keine oder kaum Unterschiede in den Erziehungsphilosophien, die dort vertreten werden. Woran liegt es also, dass Au pairs diese Behauptung immer wieder aufstellen? Einerseits vielleicht an der einseitigen Auswahl der amerikanischen Kinder – Au pairs sind in der Regel in Familien, in denen beide Eltern Vollzeit arbeiten und daher vielleicht dazu neigen, ihre Kinder materiell zu verwöhnen, um so die fehlende Elternzeit auszugleichen. Andererseits aber vielleicht auch am Vergleich – manche Au pairs vergleichen den Erziehungsstil in ihrer Gastfamilie mit dem, den sie selbst erlebt haben, und dieser Vergleich hinkt natürlich, weil sich Erziehungsmethoden in den letzten 20 Jahren stark verändert haben. Niemand erinnert sich wirklich daran, wie es denn in der eigenen Familie war, als man zwei oder drei Jahre alt war, und auch die Erinnerung an das eigene Leben mit sieben oder acht Jahren ist nicht so akkurat, wie es z. B. ein Dokumentarfilm über diese Zeit wäre. Wer in Deutschland viel mit kleinen Kindern zu tun gehabt hat, wird jetzt vielleicht widersprechen, aber: Wer im Kindergarten oder nur stundenweise Kinder betreut, erlebt sie in einer ganz anderen Situation, als wenn man in der Familie rund um die Uhr dabei ist – Kinder, die im Kindergarten den ganzen Tag „brav“ sind, können zu Hause trotzdem „ausrasten“ und tun das oft auch. Vieles von dem, was Au pairs hier auf den Seiten als problematisches Verhalten von Kindern bezeichnen, ist einfach normal für das jeweilige Entwicklungsstadium des Kindes – auch wenn das nicht immer angenehm ist. Kinder sind anstrengend – das ist nun mal so, auch wenn sie natürlich auch viel Spaß machen, Freude bringen, Liebe geben. Daher mein Appell an alle Au pairs: Auch wenn ihr keine Erziehungsprofis seid und werden wollt, beschäftigt euch mit den Entwicklungsstufen, auf denen sich eure Gastkinder befinden. Wer weiß, dass es normal für fünfjährige ist, im Streit zu sagen „I hate you, I want you to go away“ wird das weniger persönlich nehmen und besser in der Lage sein, angemessen zu reagieren. Aber auch, wenn die Kinder wirklich verwöhnt oder sonst nicht den Vorstellungen des Au pairs entsprechend erzogen sind – hier haben die Eltern das letzte Wort. Natürlich braucht sich kein Au pair von den Kindern misshandeln zu lassen (in so einem Fall – nix wie weg), aber wenn die Eltern meinen, dass Süßigkeiten vor dem Abendbrot nix schaden, dann gilt das eben, auch wenn das Au pair das anders sieht. Dankbarkeit Ich fand es früher immer ganz schlimm, wenn sich jemand über ein „undankbares“ Au pair beklagt hat – schließlich leisten Au pairs ja harte Arbeit, sollten also nicht „dankbar“ sein müssen, dass sie bei der Familie leben dürfen. Inzwischen habe ich jedoch eine Art von Undankbarkeit kennen gelernt, die mich auch stört – wenn ein Au pair Dinge als selbstverständlich hinnimmt, die es einfach nicht sind. Ob dazu das Essen gehen mit der Familie gehört (nicht, dass es nicht selbstverständlich wäre, das Au pair mitzunehmen – aber ich bedanke mich doch auch, wenn mein Mann mich zum Essen einlädt und umgekehrt, also erwarte ich das auch vom Au pair), oder die Tatsache, dass der Arbeitsplan der Familie immer weniger als 45 Stunden pro Woche umfasst, oder das spontane Freigeben von Nachmittagen, wenn es sich für die Gastmutter so ergibt, usw.; da freut es die Gastfamilie schon, wenn sie ein „Danke“ zu hören bekommt, dem Au pair anmerkt, dass es sich freut, und vielleicht auch mal im Gegenzug eine kleine Aufmerksamkeit ähnlicher Art erhält, z. B. das Angebot zum Babysitten. Wenn ich dagegen auf die Frage, ob das Au pair mit uns Essen gehen möchte, nur ein gelangweiltes „Ok, I can do that“ erhalte – dann habe ich doch beim nächsten Mal keine Lust mehr zu fragen. Auch wenn das Au pair als Familienmitglied lebt, sind nicht alle kleinen Gesten selbstverständlich und sollten nicht so hingenommen sondern entsprechend gewürdigt werden, damit die Familie auch Anerkennung für ihre „Leistungen“ erfährt. Vielseitigkeit der USA Die USA sind ein sehr großes Land, und die Unterschiede von einer Familie zur anderen, von einem Ort zum Anderen, sind noch größer als die zwischen einer Münchener Familie und einer aus einem kleinen Küstenort an der Ostsee. Das sollte man bei allen Erfahrungsberichten bedenken. Es gibt einfach keine Beobachtungen, die ausnahmslos für alle Familien gelten – nicht alle Amis leben in Riesenhäusern, nicht alle fahren Dodge oder Ford, nicht alle Amis essen Fastfood, nicht alle hassen das Spazierengehen, nicht überall ist man ohne Auto aufgeschmissen usw. Wer also Fragen stellt wie: „Wie sind denn amerikanische Männer so?“, „Werde ich ein großes Zimmer haben?“, „Wie sind amerikanische Mädchen im Alter von 3 Jahren?“, „Was essen Amis Sonntags zum Frühstück?“, „Gehen die Familien oft in die Kirche?“ usw. wird darauf immer nur sehr unvollständige Antworten erhalten können – und dann von der Realität möglicherweise stark enttäuscht sein. Telefon Oft unterschätzt – sowohl von Familien als auch von Au pairs – die Bedeutung eines eigenen Telefons für das Au pair. Wenn es von der Familie nicht angeboten wird, sollte man danach fragen, sich gegebenenfalls auch bereit zu erklären, die meist sehr niedrigen Kosten zu tragen. Spart unwahrscheinlich viel potenziellen Ärger um Telefonzeiten, ermöglicht einem mehr Privatsphäre, erleichtert die Abrechnung der Telefonkosten und ist ein wichtiges Kommunikationsmittel, insbesondere, wenn das Au pair nicht jederzeit an einen Computer kann. Im Gegensatz zu der Zeit, als wir Au pairs hatten, hat mittlerweile der Handywahn in Amerika voll um sich gegriffen und man kann inzwischen recht günstig telefonieren. Was immer noch gilt: Meistens zählen bei den Verträgen, die man mit einem Minutenkontingent abschließt, die "Airtime minutes", d.h. die Minuten, in denen man telefoniert, was eben auch eingehende Anrufe einschließt. Dadurch ergibt sich natürlich eine etwas andere Telefonkultur - man lässt sich nicht so gerne anrufen, da man ja dafür bezahlt. Und: man erkennt an den Handynummern in der Regel nicht, dass es Handynummern sind. Wenn die Familie dem Au pair ein Handy zur Verfügung stellt, ist deshalb genau zu klären, wie es genutzt werden darf. Wir benutzten unsere nur für die „Notkommunikation“, niemand außerhalb der Familie hatte die Nummern, und da man auch für eingehende Gespräche zahlen muss, wollten wir auch nicht, dass sich die Au pairs darauf anrufen ließen. Solch ein Nutzungsmodus ist hier in vielen Familien mit Nannies üblich, kann also für die Familie völlig selbstverständlich sein, im Zweifelsfall daher nachfragen.
Internet/Computer Wer eine eigene Telefonleitung hat und einen Laptop mitbringt, hat damit kein Problem. Alle anderen müssen sich mit der Familie entsprechend einigen und auch, wenn viele heutzutage sich ein Leben ohne E-Mail kaum noch vorstellen können, es gibt eins. Wer einen Familiencomputer mitbenutzt, sollte sich diesem gegenüber respektvoll verhalten, nicht in fremde Dateien schauen, keine Programme installieren (auch nicht ICQ) ohne das mit der Familie abzusprechen, und super vorsichtig sein, was Viren angeht.
Wir hoffen, dass wir Euch mit diesem Artikel einen kleinen Einblick in die Sichtweise von Gasteltern geben konnten. Wir möchten uns bei Ulrike ganz herzlich dafür bedanken, dass sie sich neben Familie und Job Zeit für diesen Artikel genommen hat und auch immer wieder für die Anliegen von Au pairs im Forum offen ist und weiterhilft! Dankeschön!
|
(0) Kommentare zu diesem Artikel